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Klassische Musik und Oper von Classissima

Giacomo Puccini

Dienstag 27. Juni 2017


Crescendo

29. Mai

Olga Peretyatko: Russen haben Sehnsucht in ihrer DNA - Olga Peretyatko

CrescendoMit 22 verließ Olga Peretyatko ihre Heimatstadt St. Petersburg, um in Berlin Gesang zu studieren. Heute singt sie auf allen großen Opernbühnen, doch ihre Seele bleibt russisch. crescendo: Frau Peretyatko, warum singen Sie? Olga Peretyatko: Um die Leute ein bisschen glücklicher zu machen. In meinem ersten Jahr in Berlin hatte ich kaum Geld. Ich bin dann mit einem Streichquartett, als kleines, mobiles Orchester losgezogen, und wir haben überall gespielt, in Kirchen, Krankenhäusern … Es gab 40 Euro – das war viel Geld für mich. In einem Altersheim, in dem wir aufgetreten sind, war eine sehr alte Frau im Rollstuhl, jemand hat sie nach dem Konzert zu mir gebracht, und sie sagte: „Ich habe immer große Schmerzen, aber in dieser halben Stunde, in der Sie gesungen haben, habe ich sie nicht gespürt.“ Das hat mir eine ganz andere Perspektive gegeben. Es ist kein Entertainment mehr. Seitdem gehe ich auf die Bühne und wünsche mir, mit meiner Stimme so viele Personen wie möglich glücklicher zu machen. Die Musik ist die emotionalste und internationalste Sprache überhaupt. Mit Ihrer neuen CD „Russian Light“ kehren Sie zu Ihren Wurzeln zurück. Was ist dieses „russische Licht“? O.P.: Meine Muse für diese CD war Nadeshda Sabela-Wrubel. Sie war die erste Interpretin der Marfa aus Rimsky-Korsakows Zarenbraut und gleichzeitig Ehefrau von Michail Wrubel, einem fantastischen russischen Maler. Es gab damals „Das mächtige Häuflein“, eine Gruppe der Komponisten Balakirew, Borodin, Cui, Mussorgski und Rimski-Korsakow. Unterstützt von einem großen Mäzen spielten sie alle ihre Uraufführungen in derselben halb privaten Oper. Wrubel gestaltete die Bühnenbilder. Er malt auf eine etwas „kranke“ Art, aber sehr persönlich und einzigartig. Für das Cover haben wir das berühmte Bild „Die Schwanenprinzessin“ nachgestellt, ein Porträt seiner Frau. … und somit das der ersten Interpretin einer Rolle, die Sie selbst auf der CD einnehmen. O.P.: Ja, aber gleichzeitig ist Licht alles, was ich im Moment bei meinem Gesang empfinde. Es geht genau darum: das Licht zu pflegen und weiterzugeben. Technik, Koloraturen – das ist alles wunderbar. Aber für mich sind die Farben wichtig und dieses Licht, das die menschliche Stimme hat. Das Licht, das menschliches Leben ein bisschen leichter macht, das Trost spendet. Nennen Sie es Licht, nennen Sie es Gott, Energie oder wie auch immer… Es geht immer um diese eine Sache. Für die Aufnahmen haben Sie mit dem Ural Philharmonic Orchestra unter Dmitry Liss sowohl einen russischen Dirigenten als auch ein russisches Orchester. Hört man in einer so globalisierten Welt noch typisch deutsche, französische oder russische Interpretationen? O.P.: Ich habe dieses Orchester und diesen Dirigenten ausgewählt, weil wir uns seit Langem kennen, da muss man nicht mehr viel erklären. Für meine zweite CD mit italienischer Belcanto-Musik habe ich mit dem NDR Sinfonieorchester zusammengearbeitet. Es ist ein unglaublich gutes Orchester, sie spielen alles Mögliche, aber im Belcanto arbeite ich natürlich mit viel Rubato, vielen Tempowechseln. Ein italienisches Orchester reagiert da sofort, dem deutschen musste ich einiges erklären. Deswegen habe ich gesagt, wenn es um russische Musik geht, brauche ich ein russisches Orchester, das geht einfach schneller. Ich hatte eine genaue klangliche Vorstellung von bestimmten Farben, Nostalgie und dieser Sehnsucht, die Russen anscheinend in der DNA haben. Sie haben die Erwartungen sofort erfüllt. Sie sind in der ganzen Welt unterwegs und singen natürlich auch in den verschiedensten Sprachen. Was bedeutet Ihnen Ihre Heimat Russland? O.P.: Russische Musik bleibt für mich immer etwas Besonderes. Auf der CD sind ziemlich viele unbekannte Stücke, aber jedes einzelne hat in meiner Karriere eine besondere Rolle gespielt oder gehört zu meinen Lieblingsstücken. Ich denke auf Russisch, und ich schweige auf Russisch. Mein Mann ist Italiener, da hatte ich zu Beginn ein bisschen Zweifel, denn wir denken und schweigen in verschiedenen Sprachen, aber ich habe gemerkt, dass es geht. Ab und zu träume ich jetzt sogar auf Italienisch oder Deutsch, je nachdem wo ich gerade bin. Gibt es eine Sprache, in der Sie sich singend besonders gut emotional ausdrücken können? O.P.: Es ist egal, in welcher Sprache ich singe, aber wenn ich die Sprache selbst beherrsche, geht es viel leichter. Im Moment beschäftige ich mich mit Französisch, weil zwei große französische Debüts auf mich zukommen. Man hört sofort den Unterschied, ob die Sängerin es spricht und versteht, oder ob sie es „nachplappernd“ gelernt hat. Ich habe bisher nie französische Rollen angenommen, weil ich die Sprache nicht beherrscht habe. Was machen Sie ansonsten, um sich in eine neue Rolle einzufühlen? O.P.: Ich versuche, viel zu lesen. Und ich sammle Emotionen! Ich beobachte gerne Leute, egal wo ich gerade bin. Egal ob in der U-Bahn oder in einem Café: Es gibt so viele Geschichten zu sehen! Gibt es eine Rolle, der Sie sich besonders nahe fühlen? O.P.: Ich bin langweilig, ich weiß … aber: Alles, was ich singe, ist meine Lieblingsrolle. Zum Beispiel Lucia di Lammermoor, die ich zuletzt in Tokio gesungen habe. Nach fünf Jahren bin ich zu dieser Partie zurückgekommen, und in der Zwischenzeit ist natürlich viel passiert, meine Stimme hat sich verändert, alles ist wieder neu für mich. Jetzt kommt Gilda, die habe ich schon oft gesungen, aber es wird für die nächsten zwei Wochen meine Lieblingspartie. Ich konzentriere mich immer genau auf das, was ich gerade mache. Ich denke das ist ein Rezept, um glaubwürdig zu sein. Mein Arbeitsspeicher ist ziemlich klein. Ich lerne wahnsinnig schnell, aber ich vergesse auch wahnsinnig schnell. Deswegen muss ich gut planen, Multitasking im Operngesang ist nur bis zu einem gewissen Punkt möglich. Ich bin nicht diejenige, die heute Puccini singt, morgen Mozart und übermorgen Wagner. Viele der Frauen, die Sie spielen, leiden, einige von ihnen sterben. Wie schaffen Sie es, zwischen den Welten zu wechseln, nicht im Alltag dramatisch zu werden? O.P.: Ich bin eigentlich ein sehr positiver Mensch. Mein Vater hat mir immer gesagt: „Bitte vergiss nie: Das bist nicht du, die stirbt, das ist Gilda, Violetta oder Lucia“, das hilft sehr. Ich muss auf der Bühne die Kontrolle behalten. Was ich singe, ist sehr kompliziert, und sobald zu viele eigene Emotionen ins Spiel kommen, schadet es dem Gesang. Du kannst auf der Bühne nicht schreien, du musst immer noch singen, auch weinen darfst du nicht. Du musst dafür eine Gestik finden und Farben in deiner Stimme. Jeder im Publikum soll weinen, aber nicht du! Es geht dabei wieder nur um Energie und um Konzentration … und da kommen wir zurück zum Licht! Das ist auch der Grund, weshalb ich am Tag einer Vorstellung mit niemandem spreche. Nicht weil es den Stimmbändern schadet, nein! Ich akkumuliere die Konzentration. Was ist, wenn Sie einmal keine Konzentration, keine Energie haben? O.P.: Eigentlich müssen wir einfach verstehen: Es gibt immer Energie. Wenn man keine hat, hat man wahrscheinlich etwas falsch gemacht. Meditation hilft sehr, bestimmte Atemübungen helfen schon nach ein paar Minuten. Das mache ich ständig. Auch die Natur hilft; 20 Minuten joggen gehen, wenn ich müde bin, ist das beste Mittel, überhaupt wieder frisch und voll Energie zu sein. Auch lächeln geht immer. Wenn ich mich richtig mies fühle und eigentlich niemanden sehen will, muss ich zum Spiegel gehen und lächeln. Das wird erst mal ganz bescheuert aussehen, aber dann passiert etwas. Du lächelst und dein Gehirn denkt: „Es ist eigentlich alles super“, und es wird dir besser gehen, das funktioniert immer. Wir müssen uns selbst um unser Wohlbefinden kümmern. Den anderen ist es wahrscheinlich egal, wie es dir geht. Es ist dein Leben und deine Laune, also mach was draus! Das ist leichter, als man denkt. Als Sängerin haben Sie Ihr Instrument immer bei sich, können es nicht nach einer Probe in den schützenden Kasten legen. Was müssen Sie tun, um es zu pflegen? O.P.: Natürlich gehört regelmäßiges Training dazu, wir sind Athleten. Aber es gibt auch Tage, an denen ich nichts machen will und soll. Dann schweige ich, lese oder gucke Filme und bewege mich so wenig wie möglich. Das ist normalerweise der Tag vor Premieren. Natürlich regeneriert man sich im Alter weniger schnell. Mit 25 konnte ich die ganze Nacht wachbleiben, tanzen, feiern … Jetzt nicht mehr. Ich bin eigentlich ziemlich introvertiert geworden, auch das gehört zum Beruf. Man trifft viele Leute, aber nach den Konzerten auf dem Hotelzimmer ist man allein. Ich bin sehr gerne allein, es stört mich nicht. Natürlich spreche ich auch manchmal stundenlang mit meinem Mann – über Facetime, das ist ja alles viel leichter geworden. Vor 20 Jahren hätte man Briefe geschrieben. Tokio – Bologna, das hätte schon etwas gedauert … Durch diese Entwicklungen ist aber auch der Kontakt zwischen Künstlern und Publikum viel direkter geworden, etwa durch Facebook oder Twitter. Dabei gibt es auch mal unschöne Kommentare. Wie gehen Sie damit um? O.P.: Ich lache. Ich habe nichts gegen Kritik, wenn sie konstruktiv ist, aber wenn es nur Hass ist, nehme ich es nicht ernst. Es gibt auch Kollegen, die dann nervös werden, sich ärgern und antworten. Aber das ist nur Quatsch, diese Leute wollen deine Energie. Ich behalte die lieber für mich. Sina Kleinedler TERMINE 28.5.2017: München, Freiheizhalle; 24., 30.6., 2., 4.7.2017: Berlin, Staatsoper; 27.6.2017: Andermatt (CH ), Andermatt Swiss Alps Classics; 7.7.2017: Wiesbaden, Kurhaus; 6., 9.9.2017: Berlin, Deutsche Oper Aktuelle CD: Olga Peretyatko: Russian Light (Sony)

nmz - neue musikzeitung

14. Juni

„Puccini ist gefährlich“ – Kriminaloper „La Signora Doria“ in Rostock uraufgeführt

Im Staub, den die kulturpolitische Posse um den geschassten Rostocker Intendanten Latchinian aufgewirbelt hat, ist die Rostocker Oper nahezu unsichtbar geworden. Nur drei Musiktheater-Produktionen gab es in dieser Saison: ein Offenbach-Verschnitt, den wackeren „Zar und Zimmermann“ und das Musical „Ein Käfig voller Narren“. Das Solistenensemble der Oper ist auf acht Personen herunter gespart worden. Hauptbild:  Weiterlesen




Crescendo

18. Mai

Radikal umdenken! - Regietheater: Fortschrittlich oder ewig gestrig? Das sind keine Kategorien

Immer wieder wird auf der Seite von Crescendo über das Für und Wider von Regietheater gestritten. Unser Autor hat die Grabenkämpfe satt. Oper braucht Erneuerung. Hier beschreibt unser Kolumnist, wie viel Mut wir dafür brauchen, und wie sie aussehen könnte. Von Axel Brüggemann Zuweilen brechen erbitterte Kämpfe aus: „Regietheater“, rufen die einen dann und richten ihre Krawatten, „das sei doch das Letzte: Eine Selbstverwirklichung geltungssüchtiger Regisseure!“ Allein die Noten, das Libretto und die Kostüme aus der Mottenkiste seien das wirklich Wahre! Die Anderen brüllen: „Quatsch! Oper muss immer in unserer Zeit stehen und damit jeden Tag neu befragt werde.“ Welche Rechtfertigung hätten wir denn für „Traviata“, „Lohengrin“ oder „Aida“, wenn wir sie nicht als gesellschaftlich vernachlässigte Prostituierte, depressive Welterlöser à la Trump oder Putzfrauen auf unsere Bühnen stellen würden? Euro-Trash oder Museums-Ästhetik? Die Grabenkämpfe zwischen vermeintlich konservativen und selbsternannt progressiven Opernliebhabern kennen – übrigens auch an dieser Stelle – nur ein Dafür oder Dagegen. Neulich habe ich mit einem Theatermenschen ein Bier getrunken. Der plant gerade eine neue Inszenierung an einem großen Haus. Als er über sein Regiekonzept plauderte, habe ich mich dabei ertappt, wie mir langweilig wurde. Ich fragte ihn, ob es denn wirklich nötig sei, in jeder Oper nach einer bislang noch unerzählten Perspektive zu suchen. Erwarten wir im Jahre 2017 wirklich von der Kunstform Oper, dass wir sie jeden Abend nach der letzten neuen Idee ausquetschen wie eine alte Zitrone? Oder reicht es uns nicht, uns einfach von ihrer Sinnlichkeit betören und überwältigen zu lassen (denn die Sinnlichkeit ist doch das wahre Manko unserer Zeit!)? Wer sagt, dass wir in einer Zeit, in der wir in Zeitungen, im Fernsehen, an Stammtischen und in sozialen Medien kontinuierlich über realpolitische und realsoziologische Themen philosophieren, wirklich auf die Kunstform Oper angewiesen sind? Sie ist nun wirklich nicht grundlegend nötig, um Phänomene wie die Emanzipation, den Gedanken der politischen Freiheit, den Mechanismus einer Diktatur oder gesellschaftliche Ungerechtigkeit zu deklinieren, oder? Taugt die Oper überhaupt noch, um unsere Gegenwart zu verstehen? Und ist es dafür wirklich nötig, sie immer wieder – und oft auch sehr verkrampft – mit Momenten unserer Zeit auszustatten? Die Gegenwart ist Teil jeder Inszenierung Auf der anderen Seite: Was die Oper von vielen anderen Kunstarten unterscheidet, ist, dass sie ohne Gegenwart gar nicht zu leben beginnen kann. Die Mona Lisa hängt seit Jahrhunderten an der gleichen Museumswand in Paris. Genau so, wie Leonardo sie gemalt hat. Und auch ein Buch wie „Schuld und Sühne“ wird heute noch mit jedem Buchstaben verkauft, den Dostojewski so genial aufs Papier geschrieben hat. Der Betrachter von Bildern und der Leser von Büchern hat niemanden außer der Zeit zwischen sich und dem Künstler, mit dem er sich gerade auseinandersetzt. Schauspiel, Konzert und Oper brauchen, damit wir sie heute erleben können, aber immer auch einen Interpreten aus unserer Zeit. Sie sind Kunstwerke mit einem doppelten Schöpfungsakt: Auf der einen Seite die Schöpfung von Komponist und Librettist, auf der anderen die Neuschöpfung durch die Dirigenten, Regisseure, Musiker und Sänger. Dieser Umstand solle jedem Komponisten bewusst gewesen sein, als er seine Opern schrieb. Jeder, der eine Oper komponiert, weiß, dass er mit seiner Partitur nun eine Vorlage zur Auseinandersetzung abliefert, dass er sein Werk irgendwann – freiwillig oder unfreiwillig – aus der Hand gibt. Dass er spätestens nach seinem Tod keinen Einfluss mehr auf den Prozess der zweiten Schöpfung hat. Dass die Nachgeborenen sich sein Werk zu eigen machen werden. Gerade darin liegt ja auch die Faszination der Kunstform OperEs ist nur logisch, dass das jeweilige Team der „zweiten Schöpfung“ findet, dass die Oper nach einer dauernden Aktualisierung schreit, danach, in den Kontext immer neuer Gegenwarten gestellt zu werden. So vehement zwischen vermeintlich konservativen und progressiven Vertretern der Opern-Ästhetik gestritten wird, so absurd erscheint dieser Streit. Denn selbst eine Aufführungen, die Carmen in rotem Flamenco-Kleid zeigt oder „La Traviata“ zurück ins 19. Jahrhundert verlegt, bleibt am Ende eine Inszenierungen aus unserer Gegenwart. Sie ist eine bewusste Entscheidungen für einen Historismus, der allerdings nie wirklich historisch sein kann, da es in einer Welt wie der Oper keine Rückfahrkarte in die Zeit des Komponisten gibt, sondern höchstens Möglichkeiten einer historisch informierten Annäherung aus dem wissenschaftlichen Erkenntnissen unserer Gegenwart. Kurzum, die Debatte zwischen den Verfechtern eines konservativen und eines progressiven Opernstils sind vollkommen absurd! Denn letztlich benutzen sie nur unterschiedliche Mittel, um das Gleiche zu erreichen: Eine Emotionalisierung des Publikums, ein Nachdenken über das, was da auf der Bühne stattfindet – sie alle wollen das Publikum berühren. Manche, indem sie versuchen, dem, was sie für die Intention des Komponisten halten, zu zeigen. Andere, indem sie ihre eigenen Assoziationen auf Grund der Partitur in den Vordergrund stellen. Manche, indem sie den Fokus auf das legen, was die Musik unmittelbar mit ihren Zuhörern macht, andere indem sie die Musik als Ausgangspunkt nehmen, um genau jene Zustände zu beschreiben, die uns heute interessieren. Wir müssen viel radikaler werden Vielleicht sind wir im Jahre 2017 aber auch an einem Punkt angekommen, an dem man die gute alte Oper drehen und wenden kann wie man will – und sie uns zwar immer noch zutiefst emotionalisiert, berührt und packt, gleichsam aber auch auserzählt wirkt. Davon jedenfalls zeugt vor allen Dingen jenes Theater, das wir gern „Regietheater“ nennen. Nachdem Neuenfels, Konwitschny und Co. die Oper in den 80er und 90er Jahren weitgehend auseinandergeschraubt haben – was soll danach noch kommen? Bis heute, um ehrlich zu sein: wenig. Viele Epigonen sind da unterwegs, deren Einfallsreichtum nicht wirklich größer ist als der jener Menschen, die Oper „konventionell“ erzählen. Mehr noch: der Back-Clash hin zum Historischen scheint ein Schlüsselreflex zu sein. Aber eine spannende Fortsetzung dieses guten alten Regietheaters ist mir in unseren Opernhäusern in den letzten Jahren nur selten vorgekommen. Klar, es gibt sie immer wieder die Abende, die selbst in einer bekannten Opern noch einen spannenden Teilaspekt finden oder eine bislang uneingenommene Perspektive. Und sicherlich: auch neue Medien gesellen sich hinzu. „Freitschütz“, „Parsifal“ und „Entführung“ kommen heute kaum noch ohne Videoprojektionen aus, ohne multimediale Untermalung und radikale Neudeutungen – aber gibt es dadurch wirklich immer Neues in der Substanz? Das Verwunderliche ist, dass viele Menschen aus dem Opernbetrieb dennoch auf diese Form der Erzählung setzen – und zwar nur auf diese! Sie verstehen das Opernhaus auch weiterhin als Pulsmesser unserer Zeit, als emotionales Kraftwerk, als Ideen-Einwurfmaschine für unsere Gegenwart. Vielleicht ist die Zeit reif, radikaler umzudenken. Nicht das Gegeneinander unterschiedlicher Ästhetiken sollte den Spielplan bestimmen, nicht die Ideologie eines Intendanten für oder gegen das sogenannte „Regietheater“. Das historisch informierte und das vollkommen neu Gedeutete können gut nebeneinander stehen. Aber das allein wird nicht reichen, um die Oper wieder in unsere Zeit zu rücken. Der Komponist Moritz Eggert fordert seit Jahren (und das nicht aus Eigennutz), dass gerade auch Intendanten den Mut haben sollten, neue Opern in Auftrag zu geben, Werke, deren Musik ebenfalls aus unserer Zeit stammt. Und das wäre am Ende ja nur konsequent. Es würde jene Kritiker des Regietheaters befriedigen, die maulen „schreib doch ne bessere Oper, wenn Du den ‚Don Giovanni’ auseinanderfledderst!“ Und auch innovativen Kräften sollten Opern aus unserer Zeit durchaus entgegenkommen. Ja, Eggert denkt bei seinen Gedankenspielen sogar über Quoten nach: 50 Prozent? 25 Prozent? 70 Prozent? Egal: Wichtig wäre lediglich, das das Neue wieder zu einer Normalität wird – so wie es auch im 18. oder 19. Jahrhundert normal war, dass alte Opern nun Gegenwartskompositionen die Spielpläne der europäischen Häuser bestimmten. Warum fehlt eigentlich der Mut? Aber zu genau diesem, wirklich radikalen Schritt, scheint vielen Häusern einfach der Mut zu fehlen. Sie suchen weiter das Neue und Gegenwärtige im Alten – und drohen dabei ebenso abzustumpfen wie ihr Publikum. Oder sie verlassen sich auf die Ewigkeit des Schönen und Hehren, so wie Puccini, Mozart oder Wagner es aufgeschrieben haben. Beides ist legitim. Aber wer es wirklich ernst meint mit einer Erneuerung der Oper, kommt nicht daran vorbei, auch das Genre an sich zu befragen und Komponisten zu beauftragen, es aus unserer Zeit heraus neu zu arrangieren. Würde die Neue Oper nicht nur ein Feigenblatt sein, das man einmal in der Saison für das eigene Image auf das Programm stellt und längst mit anderen Produktionen gegenfinanziert hat, könnte die Oper profitieren. Dann müssten sich auch unsere Komponisten wieder mehr nach dem Publikum richten, ihren Elfenbeinturm verlassen – und mit sinnvollen Ideen hervorkommen, wie die Kunst der Musik, des Gesanges und der Bühne unsere Zeit emotional erhebt, befragt oder schockiert. Wer über Regietheater oder Mottenkiste streitet, streitet immer auch über unseren Umgang mit Oper. Ihm liegt die Kunstform offensichtlich am Herzen. Aber wenn sie nicht sterben soll, dürfen wir nicht allein um ihre Reproduktion streiten, sondern sind auch verpflichtet, die Oper als Form weiterzuschreiben.



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